Eine Weihnachtsgeschichte

von Bruno Harry Greis

 

Er kam immer kurz vor Ladenschluß

 

„Wie sieht es aus?“ fragte sie beim Vorbeihasten. „Nicht schlecht“, warf er ihr zu und schaute auf den schmalen, weißen Streifen, den er ein wenig aus der Kasse gezogen hatte, „aber bis Weihnachten kann noch viel passieren.“ Sie war schon wieder weg. Sie stand unter Streß. So ging das jedes Jahr; es war nichts Neues. Nur hatte früher der Weihnachtsverkauf erst im Advent eingesetzt. Jetzt lockten bereits Mitte November – die Obstbäume hatten noch nicht mal ihre letzten Blätter abgeworfen – weihnachtlich geschmückte Tännchen Käufer in die Läden. Auch bei ihnen war das Weihnachtsgeschäft angelaufen, und es mußte laufen, besser als letztes Jahr. Da hatten sich die erwarteten Umsätze nicht eingestellt. Mindestens einen Viertel des Jahresumsatzes mußte der Weihnachtsverkauf bringen. Und so, wie es aussah, sollten sie es diesmal schaffen. So hatten sie alle Hände voll zu tun in ihrem kleinen Warenhaus in der kleinen Stadt.

Nur, der Erfolg verlangte seinen Preis: Das Privatleben mußte in diesen zwei Monaten gewaltige Abstriche machen. Das wußten auch die Kinder. Immerhin glaubten mittlerweile auch die Jüngsten nicht mehr an das Christkind, und so konnten die Eltern mit allen Vieren vernünftig über Weihnachten reden. Und vernünftig reden hieß für sie auch, über das Geschäft und den Umsatz reden. Diese standen nun mal an allererster Stelle. Die größeren beiden hatten ja in der Schule kochen gelernt, also sollten sie das auch zu Hause tun und das Mittagessen selber kochen. Am Abend machte man es dann sowieso immer erst auf die Schnelle.

Das Geschäft hatte also in der Zeit vor Weihnachten das Sagen, nicht mehr, wie früher, der Kalender. Der Advent, sofern es ihn noch gab, durfte sich noch ein wenig im November ausstrecken. Im Dezember sprachen alle von „Weihnachtszeit“. Und wenn Weihnachten endlich ankam, hatten alle mehr als genug davon. So reichte die Weihnachtszeit ziemlich genau bis zum Heiligen Abend, eine halbe Stunde nach Ladenschluß. Danach richteten sich die Interessen auf den Silvester und die Fastnacht.

Bei ihm und ihr jedenfalls war das so. Die Kinder glaubten, wie gesagt, nicht mehr an das Christkind, und so konnten die Eltern getrost ein paar Dinge, die noch in den Regalen standen, mitnehmen und ihnen in die Hand drücken. Zum Essen gab´s dann, wie an allen Abenden, etwas, das im Laden sonst hätte verderben müssen. Sie waren ganz einfach zu abgespannt und zu müde, um noch ein großes Geköch zu machen.

Sie hielten ihre Kinder für verständnisvoll, und das sollten sie auch ihrer Meinung nach sein, denn schließlich hing der Wohlstand der ganzen Familie ja einzig davon ab, wie gut das kleine Warenhaus lief. Er schob den Kassenstreifen wieder in die Maschine und schloß den Deckel. Es war kurz vor Ladenschluß am ersten Wochentag im Dezember.

Als der alte Mann den Laden betrat, fiel er ihm sofort auf. Zwar betraten jetzt Unzählige den Laden und Unzählige verließen ihn wieder, meistens mit ein paar Tragetaschen mehr an den Händen. Aber der alte Mann fiel aus dem Rahmen. Er machte kurze Schritte. Das Gehen verursachte ihm trotz seines Stocks offensichtlich Schmerzen. Aber es sah so aus, als wollte er es verstecken, und so schritt er würdevoll, ja königlich aufgerichtet zwischen den hastenden und strebenden Menschen hindurch, so als käme er direkt aus einer ganz anderen Welt. Er steuerte geradewegs auf den Geschäftsleiter zu.

 

„Guten Abend“, sagte der alte Mann und lüftete seinen Hut. Das tat sonst keiner mehr. „Ich hätte gern einen Füllfederhalter.“

„Da haben wir sehr schöne. Darf ich Sie dort hinüber bitten?“

Er ging dem alten Mann voran.

„Dieser hier ist günstig, er kostet nur...“

„Nein, ich möchte etwas Schönes, einen mit einer vergoldeten Feder.“

„Ah, solche liegen hier. Bitte sehr. Ziehen Sie eine schmale oder eine breite Feder vor?“

„Was wäre Ihnen lieber?“

„Nun, ich denke, der ist für jemanden, den ich nicht kenne. Warum soll ich sagen, was mir lieber wäre?“

„Doch doch, sagen Sie mir Ihre Meinung!“

„Nun, ich würde eine breite Feder nehmen.“

„Also nehmen wir einen mit einer breiten Feder.“

„Gerne, und welche Farbe soll der Füller haben?“

„Was gefällt Ihnen?“

„Ach, was gefällt mir?“

Er spürte in seinem Innern eine Nervosität aufkommen. Jetzt vor Ladenschluß sollte er an allen Ecken und Enden sein, und außerdem standen noch so viele Leute da, die bedient werden wollten, und da beanspruchte einer seine kostbare Zeit, indem er ihn ständig fragte, was ihm denn gefiele. Aber er zeigte dem alten Mann seine Erregung nicht.

„Ich würde den schwarzen vorziehen.“

„Gut“, sagte der alte Mann, „ich nehme den schwarzen. Nun brauche ich aber noch Tinte und ein nettes Tintenfäßchen.“

„Gerne.“

„Und einen eleganten Halter auf den Schreibtisch.“

„Das haben wir da.“

Der alte Mann schien keine Eile zu kennen. Seelenruhig fragte er auch bei diesen Gegenständen jedesmal nach der Meinung seines Gegenüber, und er merkte nicht, wie dieser immer häufiger auf die Uhr schaute. Endlich hatte er alles.

„Soll ich es als Geschenk einpacken?“

„Ja bitte, aber in rotes Papier.“

„Ja, das haben wir.“

„Und mit einer dunkelblauen Schleife.“

Er seufzte. Wenn alle Kunden so kompliziert wären.

„Ich muß schauen, ob wir blaue Schleifen haben.“

„Ach ja, und dann bitte ich Sie noch, einen Tannenzapfen dran zu hängen, einen goldenen.“

„Der kostet aber vier Franken.“

„Jaja, das geht in Ordnung und eine rosa Etikette mit Goldrand.“

Nun stöhnte er hörbar und schaute geradezu theatralisch auf die Uhr: „Ich weiß wirklich nicht, ob wir das alles noch schaffen vor dem Ladenschluß.“

„Oh, machen Sie sich keine Sorgen, ich brauche das Geschenk ja heute noch gar nicht. Packen Sie es morgen in aller Ruhe ein, und ich komme am Abend und hole es ab; um die gleiche Zeit, wie heute, ist Ihnen das recht?“

Es war ihm mehr als recht. Anderntags brachte er den Füller und die anderen Dinge samt dem roten Papier, der dunkelblauen Schleife und dem vergoldeten Tannenzapfen seiner Frau, und diese nahm sich irgendwann einmal Zeit, es einzupacken. Schließlich hatte der alte Mann ja auch nicht den billigsten Füller ausgewählt, und der Umsatz des Weihnachtsgeschäftes sollte ja einen Viertel... naja, sie hatte aufgehört, immer alles zu hinterfragen. Sie band dem Päcklein eine besonders schöne Schleife um, und als der alte Mann kurz vor Ladenschluß hereinkam, hatte sie sogar ein Lächeln für ihn auf den Lippen.

„Oh, das gefällt mir, herzlichen Dank.“

„Das macht dann...“

„Ich hätte noch gerne wegen Kristallgläsern geschaut“, sagte der alte Mann, und sie bat ihn zum entsprechenden Gestell.

Nun spielte sich die gleiche Szene ab wie am Abend zuvor. Auch sie sah sich genötigt, länger als üblich bei diesem Kunden zu verweilen. Auch sie sollte, gefragt nach ihrem Geschmack, eine Bewertung abgeben. Ja, der alte Mann spannte sie sogar in ein geradezu philosophisches Gespräch ein über Gläserschleifen im allgemeinen und Kristallgläser im besonderen. Und als er sich endlich, dank ihrer geduldigen Beratung, zu einem ganzen Dutzend kostbarer Gläser durchgerungen hatte, wünschte er diese liebevoll verpackt, mit grünem Papier und mit einer goldenen Schleife diesmal, dafür mit einem handbemalten Pilz als Anhänger. Und weil die Zeit auch jetzt wieder knapp vor dem Ladenschluß drängte, erklärte er sich bereit, am nächsten Abend wiederzukommen, damit sie es tagsüber in aller Ruhe einpacken könne. Er bezahlte den Füllfederhalter, nahm ihn und ging.

 „Er hat Geschmack, der Alte“, dachte sie. Sie hatte ihn ja beraten, aber das hatte sie vergessen. Sie rollte die Gläser in Seidenpapier. Dann holte sie grünes Papier und eine goldene Schleife und zuletzt einen handbemalten Pilz. Sie freute sich sogar ein wenig auf den Abend, wenn der alte Mann wieder käme und sie wegen der schönen Verpackung lobte. Für Lob war in der vorweihnachtlichen Hektik sonst kein Platz. Umsatz war das Treibmittel.

 

Er sparte nicht mit Lob. Er hatte Zeit. Dann suchte er einen Stall aus Holz mit dazu passenden Tieren für einen Viertklässler. Und die Zeremonie, irgendwie beinahe schon zum Ritual geworden, wiederholte sich. Er nahm sich Muße beim Auswählen und sie sollte ihn beraten. Schließlich bat sie der alte Mann – er hatte ihre Unruhe bemerkt – ihm doch bis morgen abend zu diesem Stall passende Tiere und was sonst noch zu einem Bauernhof gehöre, zusammenzustellen, einfach so, wie sie glaubte, es sei schön und es fehlte nichts. Die Kristallgläser bezahlte er, dann trat er auf die Straße hinaus.

Sie fand ihr eigenes Verhalten seltsam, aber sie befreite sich aus dem Wirbel und nahm sich tatsächlich Zeit, den Stall zu vervollständigen. Schließlich war ihr Jüngster auch Viertklässler, und so stellte sie sich einfach vor, was der Bub sich wünschte, müßte sie für ihn dieses Geschenk herrichten. Sie wählte Haustiere, aber auch einen Bauern, die Bäuerin, den Knecht, eine Magd und einen Traktor.

Und ihr Mann kam vorbei, hielt an und schmunzelte: „Ein Hund – ein Hund darf auf einem Bauernhof nicht fehlen.“ Er stellte das Tier aus Holz dazu, und sie standen da, betrachteten alles und lachten, nur für einen kurzen Augenblick, aber echt und von Herzen. Und sie dachten an diesem Tag mehr als einmal darüber nach, was der alte Mann am Abend wohl dazu sagen würde. Er war ganz begeistert und bat um eine entsprechende Hülle und – ganz klar, heute wäre es nicht mehr möglich – er käme selbstverständlich morgen wieder, um es abzuholen.

An diesem Abend verlangt er eine Puppe mit Röcken zum Auswechseln. Man könne ihm ja am nächsten Tag in Ruhe alles auslesen, herrichten und ihm dann zeigen. Sie führten sich ihr Töchterchen vor Augen, als sie die Auswahl trafen, und er war entzückt. Dann wünschte er mehrere CDs mit - ihnen schauderte es beim Gedanken, war er doch ein alter Mann – mit knallhartem Rock. Und dabei ließ er sich von ihnen genauso beraten, wie bei allen Geschenken, und weil sie beide nichts von dieser Musiksparte verstanden, fragten sie zwischen Nachtessen und Tagesschau ihren Zweitältesten, der mächtig darauf stand, was denn jetzt so „in“ sei. Schließlich wünschte er ein Computerprogramm, und sie empfahlen ihm eines, von dem ihr Ältester in letzter Zeit ständig geschwärmt hatte.

Und als der Mann gegangen war, sagte er zu seiner Frau: „Wenn dann noch eines übrigbleibt, können wir es ja dem Großen an Weihnachten ja mitbringen – aber das hat keine Eile, hängt auch davon ab, wie sich der Umsatz bis dahin entwickelt.“

Der alte Mann kam jeden Abend, den ganzen Advent hindurch, und er kam immer kurz vor Ladenschluß. Er kaufte jedesmal etwas, das auszulesen viel Zeit beanspruchte und das sie nicht sogleich auf den Ladentisch legen konnten oder etwas, das besonders verpackt werden mußte. Aber er versprach immer, es am nächsten Tag abzuholen. Und er bezahlte, was er mitnahm.

Nach den Geschenken besorgte er sich Weihnachtsschmuck, einen Christbaum auch, obwohl sie solche in ihrem kleinen Warenhaus gar nicht führten. Sie besorgten ihn. Schließlich entwickelte sich der alte Mann zu einem lukrativen Kunden. Aber irgendwie gewannen sie ihn auch lieb. Er war in diesem geschäftlichen Rummel so etwas wie ein schwebender, ruhender Pol, der die Zeit für einen Moment stillstehen ließ. Und es schien ihnen, als leuchtete durch diese unscheinbare Zeitlücke weit in der Ferne, aber jeden Tag etwas näher, ein kleiner, immer heller werdender Weihnachtsstern, nur für einen Moment zwar, aber regelmäßig jeden Abend. Und sie schauten nicht mehr auf die Uhr, wenn er einen neuen, ungewöhnlichen Wunsch vorbrachte.

So bestellte er goldene Christbaumkugeln, versehen mit lila Schleifen. Sie setzten sich anderntags hin und schmückten drei Dutzend Kugeln mit lila Schleifen. Er wollte Kerzen aus Bienenwachs mit silbernen Sternen an den passenden Kerzenhalter. Er wünschte Tannenzweige, an denen goldene Glöckchen hingen, für die ganze Wohnung. Sie banden die Glöckchen an fünfzig Tannenzweige. Schließlich kaufte er Tischsets und dazu passende Servietten, verziert mit Scherenschnitten, die sie zuerst anfertigen mußten. Er kaufte langstielige Weingläser und goldverbrämtes Geschirr samt Besteck aus Silber und Windlichter als Tischschmuck, nebst Gestecken aus Trockenblumen und Seidenrosen. Er bezahlte es, wenn er es anderntags abholte, und er bestellte etwas Neues.

Stets erzählte er, was er sich ausgedacht hatte und was er sich vorstellte, dann ließ er sich von ihnen beraten, und immer blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich hinzusetzen, den Geschäftsbetrieb den Angestellten zu überlassen und herzurichten, was er gewünscht hatte – und immer machten sie es. Es tat der Kasse gut.

 

Am Tag vor dem Heiligen Abend überraschte er sie, indem er ein komplettes Festessen für eine sechsköpfige Familie bestellte. Was er sich dabei ausgedacht hatte, führten sie längst nicht alles in ihrer Lebensmittelabteilung, schon gar nicht ein fertig gekochtes Essen, dazu noch warm. Auf sein ausdrückliches Bitten versprachen sie aber, es auswärts zu besorgen und bis zum nächsten Abend herzurichten. Sie hatten auch nichts dagegen einzuwenden, als er ihnen die ganze Wahl überließ. Es sollte auf keinen Fall ein schäbiges Essen sein, hatte er gefordert, ja, es sollte nur das Beste und Leckerste dazu verwendet werden. Er nannte ihnen einen Betrag und verschwand in der winterlichen Stadt.

Sie besprachen sich lange an diesem Abend, auch noch, als sie schon müde im Bett lagen. Gleich am frühen Morgen stellten sie alles mit viel Liebe zusammen und bestellten, was bestellt werden mußte. Sie nahmen sich Zeit, obwohl dieser letzte Tag im Weihnachtsgeschäft wie jedes Jahr der verrückteste aller Tage werden würde. Am Heiligen Abend kauften alle, die noch nicht alles hatten, noch alles, was ihnen fehlte. Aber dann könnten sie beide aufatmen, dann wäre für sie die anstrengende Weihnachtszeit endlich vorbei. Aber an diesem Abend kam der alte Mann nicht.

Sie ließen die Ladentüre offen. Nervosität stellte sich ein. Was sollten sie machen mit all den feinen Sachen, die da bereitstanden? Und wer sollte sie bezahlen? Immerhin ging es um einen Betrag von mehreren hundert Franken.

„Und, was jetzt?“

„Er wird noch kommen, wird sich verspätet haben.“

„Verspätet? Er war jeden Abend pünktlich, man hätte seine Uhr nach ihm richten können.“

„Vielleicht nimmt er ein Taxi – siehst du, da draußen hält ein Taxi.“

Aber der alte Mann war nicht im Taxi. Nur der Chauffeur stieg aus und brachte einen weißen Briefumschlag.

„Da ist das Geld für das bestellte Essen, Gott sei Dank“, seufzte er erleichtert, als er ihn geöffnet hatte. „Schreibt er nichts dazu?“

„Doch, er schreibt, er sei leider nicht mehr in der Lage, vorbeizukommen. Aber er bittet uns, das Essen an eine bestimmte Adresse zu bringen.“

„Das ist nun doch zuviel verlangt!“

„Denke ich auch. Wir sind doch kein Versandhaus!“

„Andererseits hat er anständig an unserem Umsatz beigetragen, und es scheint überhaupt, als hätten wir diesmal ein gutes Weihnachtsgeschäft gemacht.“

„Erfüllen wir ihm diesen Wunsch, schau, es ist nicht weit von hier, es ist in unserer Straße. Das dürfte noch drinliegen.“

„Hat er seine eigene Adresse angegeben?“

„Nein“

„Frag den Taxifahrer!“

„Der ist schon weg!“

„Nun gut, wir bringen die Sachen hin. Wenn wir zurückkommen, sind die Angestellten auch fertig. Dann schauen wir, was wir den Kindern schenken wollen.“

Der alte Mann hatte genau beschrieben, wohin sie das Festessen bringen sollten. Aber es fehlte der Name des Empfängers. Auf dem Zettel stand nur: „Nach Ihrem Laden der achte Hauseingang in Richtung Bahnhof. Dann zweiter Stock, dritte Tür links.“

Sie trugen es hin, beide Arme prallvoll, und stiegen die Treppe hinauf. Sie war ihnen bekannt, aber sie dachten sich nichts dabei. Sie waren müde, und endlich war die Weihnachtszeit überstanden. Im zweiten Stock blieben sie dann doch verdutzt stehen.

„Dritte Türe links, das kann nicht sein, da wohnen wir selber. Schau auf den Zettel.“

„Wie soll ich das tun? Ich habe die Hände so wenig frei wie du.“

„Haben wir wirklich den achten Hauseingang genommen?“

In diesem Augenblick sprang die Wohnungstüre auf und die Kinder drängten sich in den Türrahmen: „Hallo!“

„Was ist denn hier los?“ Sie trauten ihren Augen nicht.

„Ist nicht alles von euch gekommen?“

„Was soll gekommen sein?“

„Heute nachmittag brachte ein Lieferwagen alle diese Sachen!“

„Den Christbaum!“

„Den Schmuck, die Kerzen, die Geschenke!“

„Wir dachten, es sei von euch und haben jetzt alles hergerichtet!“

Sie betraten die Wohnung, sie glaubten zu träumen, wie im Märchen. Überall hingen Tannenzweige mit goldenen Glöckchen. So festlich hatte sie ihr Zuhause noch nie empfangen, schon gar nicht an Weihnachten.

Mit einem Schlag war ihnen klar geworden, was all das bedeuten sollte: Die lila Schleifen an den goldenen Christbaumkugeln, die silbernen Sterne, die unter den Bienenwachskerzen glitzerten, die Tischsets, die Servietten mit den Scherenschnitten, die langstieligen Gläser und das Goldgedeck, all das war ihnen wohlbekannt. Und unter dem Christbaum lagen Geschenke in rotem und grünen Papier mit vergoldeten Tannenzapfen und handbemalten Pilzen.

Auch das Festessen war für sie bestimmt. Auf der Rückseite hatte der alte Mann geschrieben – sie sahen das erst jetzt: „Ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen ein frohes Weihnachtsfest – Ihnen und Ihren Kindern.“

Es war fast wie ein Schock für sie. Es war etwas, das sie nicht erwartet hatten, auf das sie sich im Grunde innerlich auch gar nicht vorbereitet hatten. Weihnachten war nicht vorbei, Weihnachten sollte erst beginnen.

„Ich gehe nochmals ins Geschäft“, sagte er, „schließe ab und komme sofort wieder. Wenn schon alles soweit eingefädelt ist, naja, dann wollen wir eben Weihnachten feiern. Tun wir´s halt auch mal so wie andere Leute.“

Und als sie nach dem Essen die Geschenke auspackten, stieg die Festfreude noch höher. Es war etwas anderes, als wenn Geschenke, in Eile zusammengeramscht, einfach in die Hände gedrückt werden. Er freute sich über den Füller, den er sich selbst eigentlich schon lange gerne geleistet hätte. Sie hob erneut die Kristallgläser ins Licht, diesmal ins Licht von Bienenwachskerzen. Am meisten freuten sich die Kinder. Sie vermochten sich den alten Mann kaum vorzustellen, der für sie so treffende Geschenke ausgesucht hatte, obwohl er sie gar nicht kannte.

Auch die Eltern staunten zunächst. Aber dann wurde ihnen bewußt, sie selber hatten alles ausgewählt, zusammengestellt, verziert und verpackt. Es war ihr Geschmack und ihre Idee und ihre Arbeit gewesen, und sie hatten sich dazu sogar genau die Zeit genommen, die sie eigentlich dafür nie hergeben wollten. Der alte Mann war bei all dem nur der Motor gewesen – abgesehen natürlich davon, daß er alles bezahlt hatte.

Und weil er alles bezahlt hatte, wollten sie so schnell wie möglich herausfinden, wer er war. Sein Gesicht, seine aufrechte Gestalt trotz seiner schmerzenden, kurzen Schritte, sein Hut, sein Stock, all das war ihnen mittlerweile vertraut. Nur seinen Namen kannten sie nicht.

Sie sollten ihn erfahren, am ersten Wochentag nach Weihnachten. Er brachte ihr die Zeitung, zeigte stumm auf die Todesanzeige. Das Foto daneben ließ keinen Zweifel offen: es war der alte Mann. Am Weihnachtsmorgen sei er friedlich eingeschlafen, stand da. Er hatte in einem Altersheim am Rande des Städtchens gewohnt. Sie fuhren hin. Der Heimleiter wußte mehr:

„Er war ein sehr einsamer Mann. Seit dem Tod seiner Frau hat ihn kaum jemand besucht.“

„Hatte er keine Angehörigen?“

„Doch, doch. Aber er sagte mir einmal, er hätte früher nie Zeit für sie gehabt, jetzt hätten sie ihn eben auch vergessen.“

„Wer war er?“

„Ein Geschäftsmann. Er lebte tatsächlich – das bezeugen auch andere, die ihn kannten – er lebte nur für sein Geschäft, für nichts anderes. Das bereute er später, aber da war es zu spät.“

„War er denn krank?“

„Ja, er hatte Krebs. Wir sahen ihn bereits im November auf dem Friedhof. Aber er sagt, er hätte bis Weihnachten noch eine ganz wichtige Aufgabe zu erfüllen. So stand er wieder vom Bett auf und ging jeden Abend weg. Und weil er zum Nachtessen jedesmal glücklich und zufrieden zurückkam, ließen wir ihn gewähren. Allerdings wissen wir nicht, was er bei seinen Ausgängen getan hat. Ich wollte ihn bei Gelegenheit danach fragen. Nun ist er gestorben und hat sein Geheimnis mitgenommen.“

Sie sagten lange nichts. Sie schauten am Heimleiter vorbei, irgendwohin in eine weite Ferne, und es schien ihnen, als stehe die Zeit wieder still, so wie immer dann, wenn der alte Mann in ihren Laden gekommen war. Nein, er hatte sein Geheimnis nicht mitgenommen. Er hatte es ihnen mitgeteilt, auf seine Art eben. Aber sie dachten es nur. Sie sagten es dem Heimleiter nicht. Sie hätten sich geschämt.

 Auf einem Grab im Friedhof draußen brannte fortan ein Windlicht und sie hatten sich vorgenommen, es nie ausgehen zu lassen.